Sieger denken anders – aus Widersprüchen Zuspruch machen

Mann balanciert einbeinig auf Bergspitze

Leadership: Verdient durch Spitzenleistung oder durch richtige Balance? Bild: Autor

Der schweizer Exzellenz-Coach Bruno Birri hat in seinem Blog auf den interessanten Artikel von Christine Daborn-Doering unter dem Titel „Sieger denken anders“ verwiesen. Zu den behandelten Themen gehören Sieger-Persönlichkeiten, Nützen und Nutzen sowie Führung/Leadership als Dienst am Ganzen.

Der Artikel als PDF:
Sieger denken anders

Besonders gefallen mir ihre Gedanken dazu, wie man mit Werten umgeht, die einen möglichen Zielkonflikt beinhalten. Die meisten Grundrechtskataloge von Gesellschaften wie auch die Wertekataloge von Unternehmen enthalten nämlich zwangsläufig gewisse Widersprüche.

Ein anderes Beispiel sind diese 5 Unternehmensleitsätze:

Wir wollen gewinnen.
Wir arbeiten ergebnisorientiert.
Wir gestalten Wandel.
Wir achten aufeinander.
Wir begegnen uns mit Respekt und Wertschätzung!

Wenn hier jemand eine Priorität von oben nach unten annimmt, wird sich sich damit hauptsächlich ergebnisorientiert auf das Gewinnen konzentrieren. Damit nimmt er es mit Respekt, Wertschätzung oder dem aufeinander achten wahrscheinlich nicht so genau. Das ist aus meiner Sicht ziemlich falsch.

Wer schon einmal eine größere Gruppe von Menschen durch eine Stadt zu Fuß zu einem Bahnhof geführt hat, weiß dass dabei unabgestimmtes Vorpreschen einer Untergruppe von „Gewinnertypen“ viel mehr stört als dass es dem Vorankommen der Gesamtgruppe nutzt.

„Aber woher sollen die anderen dann sehen, dass ich viel, viel schneller als die anderen laufen kann?“

mag da mancher selbsternannter Leistungsträger einwenden. Nun, dieser hat in meinem Augen das Prinzip der Leistung im Sinne von Produktivität nicht verstanden. Was nutzt es, wenn die schnellsten 2 von 10 Personen doppelt so schnell am Bahnhof sind wie die anderen, aber die langsamsten 5 der Gruppe dafür den Zug verpassen?

Wer sein Plus an Energie, Kraft, Motivation und/oder Ausdauer dafür einsetzt, den Mitreisenden am unteren Ende der Leistungsskala zu helfen, ebenfalls den Zug rechtzeitig zu erreichen, verdoppelt die Produktivität im Sinne Reisender pro Zug. Als nicht unerheblicher Nebeneffekt werden die Zufriedenheit der Gruppe und die Auslastung der Züge gesteigert.

Während ich bislang nur in Millionenmetropolen gewohnt habe und daher bei meinem Beispiel eher an unübersichtliche Straßenschluchten dachte, benutzt die Autorin das für eine Schweizerin näherliegende Bild des Bergführers, der keinen ihm anvertrauten Bergwanderer zurücklassen darf. Dieses Bild wirkt sogar noch stärker. Von seinem Erfolg hängt nicht nur die Produktivität, sondern in letzter Konsequenz sogar die physische Existenz der Gruppe und seiner Mitglieder ab.

Kommt dieser gemeinsinnorientierte Ansatz von Leadership nur in pareto-optimierenden Spieltheorie aber kaum in der täglichen Arbeitspraxis vor? Ich glaube nicht. Ich denke, dass vor allem im Mittelstand heutzutage der überwiegende Teil der Führungskräfte ihre Mitarbeiter wertschätzend behandeln, sie nach Möglichkeiten fördern und ergebnisorientiert führen.

Allerdings zeigen Beispiele wie der Frauenanteil in den Führungsetagen, dass wir noch lange nicht am Ziel angekommen sind. Die restlichen 20% prägen leider immer noch das Image des Ego-Macho-Managers. Sie sind von geschlechter- und damit leistungsgerechter Förderung noch weit entfernt.  Eine erwähnenswerte Ausnahme stellt das Unternehmen dar, dessen 5 Unternehmswerte  ich oben angeführt habe. Dieses gehören der QSC AG. Sie ist eine im TecDax gelistete Aktiengesellschaft aus Deutschland und hat mittlerweile einen 50%-Anteil von Frauen im Aufsichtsrat. Weiter so!

Elefantenbulle stellt sich schützend vor seine Herde

Leadership heißt nicht immer, vorneweg zu rennen, sondern auch auch mal schützend zurückfallen zu lassen. Bildnachweis: Autor

 

Es gibt sicher auch noch in den anderen Kategorien wie sozialer Herkunft oder ethnischer Zugehörigkeit nicht leistungsgerechte Diskriminierungen derjenigen, die nicht zum inneren Zirkel der führenden Seilschaft gehören. Diese Diskriminierungen sind aufgrund differenzierterer Ausprägungen innerhalb der Gruppen jedoch noch schwerer zu erkennen oder gar zu messen als die Gender-Kategorie.

Ich sehe auch noch bei gewissen Großkonzernen und patriarchal geführten Kleinstbetrieben einen deutlich aufholbaren Rückstand. Hier kann der Mittelstand einen Führungsrolle einnehmen, indem er zeigt, dass Unternehmen dadurch gewinnen, wenn sie auf Führungskräfte setzen, die sich nicht durch Herkunft, Geschlecht oder sexuelle Orientierung auszeichnen, sondern dadurch, dass sie durch das Ausbalancieren von Zielkonflikten die Leistung viel besser optimieren als die Manager mit den objektivitätsreduzierenden Scheuklappen der Diskriminierung.

Als offenen Brief würde ich den Artikel wegen einiger seltsam anmutender Formulierungen nicht mitzeichnen. Dazu  wirken auf mich einige Passagen etwas zu esoterisch. Den Sinn des Lebens als Entwicklung seines Bewusstseins auf eine oder mehrere höhere Stufen zu beschreiben, ist für mich eher persönliche Religion als Basis gesellschaftlicher-ökonomischer Analyse. Auch finde ich mich nicht darin wieder, wenn das Prinzip

„Was man gibt, kommt auf einen zurück“

als geistiges Gesetz beschrieben wird. Mein Wertesystem ist da deutlich materialistischer geprägt.

Aber diese zwei hervorgehobenen Sätze sind nur ein ganz kleiner Teil des Artikels. Sie sollen und können auf keinen Fall den Großteil entwerten, der sehr inspirierende Wertbeschreibungen enthält.

Wenn eineR zur Steigerung des Gemeinwohls einer Gruppe beiträgt, ohne dieses auf Kosten einer anderen Gruppe zu erreichen, ist es mir am Ende egal, welches ethisch-moralisches Wertesystem als Motivation dahinter steht.

In meinen Augen ist diese Person einfach einE SiegerIn. In Ihren auch?

 

Ruhendes Löwenrudel

Auch die Könige des Tierrreichs machen nicht alles im Alleingang. Bildherkunft: Autor

Attila Radnai lebt in Köln, wohin er nach dem Studium der Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin zog. Er ist beruflich als Prozess- und Projektmanager in der Telekommunikation tätig (www.radnai.net). Er bloggt auch unter www.warumduscher.com über Netzwerke, Technik, Innovationen und Politik.

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